„Wohnen mit „Haus“-Verstand“

Das gemeinsame Wohnprojekt der Familie Bildstein mit dem Büro für Architektur und Umweltgestaltung findet seinen Ausgangspunkt zu jener Zeit als der Typ des Passivhaus zunehmend kritisch hinterfragt wurde und die traditionellen Eigentumswohnungen durch Wohnbauträger mit jährlichen Teuerungsraten von 15% für die durchschnittliche Vorarlberger Kleinfamilie nicht mehr leistbar war. Die Diskussion innerhalb der Familie Bildstein (5-köpfige Familie aus Hard mit erwachsenen Kindern, die  Vorarlberg zum Studieren verlassen bzw wieder zurückkamen) führten zum Entschluß das Thema Wohnen auf dem Grundstück des Elternhauses mit einem gemeinsamen Projekt zu starten und die Bedürfnisse der Eltern- sowie der Kindergeneration am bestehenden Grundstück zu verhandeln und zu einem pionierhaften Wohnprojekt weiter zu entwickeln.

Die Fokussierung eines Gebäudekonzepts auf die – gut gemeinte aber zu kurz greifende Absicht - maximale Reduktion des Energiebedarfs in der Betriebsphase (=Nullenergie- bzw Plusenergiehaus) zu beschränken wurde in mehrere Richtungen erweitert und ergänzt um die Aspekte der Mobilität, des Flächenverbrauchs und –versiegelung, des Ressourcenverbrauchs bei der Errichtung des Gebäudes sowie der Abhängigkeit eines Konsumenten in den heutigen Wertschöpfungsketten - insbesonders in Bezug auf die tägliche Ernährung.

Der Begriff, um den sich dabei die planerische Arbeit und die vertiefenden Diskussionen rund um das Projekt drehten ist die sogenannte „Resilienz“ aus der sozialpsychologischen und ökologischen Systemforschung. Damit gemeint ist die Widerstandsfähigkeit eines Systems gegen Störungen von Außen bzw die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit eines Systems bei kritisch veränderten Rahmenbedingungen.

Was hat das aber mit einem Wohn- und Bauprojekt zu tun? Nun, ehrlicherweise muss man sich hier und jetzt eingestehen, dass viele Aspekte dieses Wohnprojekts der Familie Bildstein Pioniercharakter aufweisen und auf die Praxistauglichkeit noch getestet werden müssen. Ebenfalls muss betont werden, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit Energie und den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht ausschließlich auf Basis „bau“-technischer Inhalte verhandelt werden können sondern vielmehr eine Frage der Lebensführung und des für sich in Anspruch genommenen Komforts ist.

Dennoch wurde auf vielen Ebenen dieses Bauprojekts versucht ein „resilientes“ System zu generieren, welches sich in folgender Weise darstellt:

-        Zersiedelung und Flächenverbrauch: Der Baukörper für die verschiedenen Wohneinheiten entsteht aus dem Rückbau des bestehenden Gebäudes bis aufs EG, daran anschließend erstreckt sich ein Zubau für die zweite Generation als Holzelementbau. Dieser Zubau kann bei Bedarf noch weiter in diese Richtung erweitert werden – haustechnisch ist diese horizontale Erweiterung wie auch eine Erweiterung in der Vertikalen bereits jetzt vorgesehen. Die Nachverdichtung am bereits aufgeschlossenen Grundstück erspart der Gemeinde die Zersiedelung am Dorfrand.

-        Flächenversiegelung und Ernährung: Der Flächenverlust bzw die Versiegelung durch den Zubau wird durch die intensiv begrünte Dachfläche bilanzneutral ausgeglichen. Somit übersiedelt der Nutzgarten auf die Dachterrasse auch dient dort weiterhin der eigenen Nahrungsmittelproduktion.

-        Ressourcenverbrauch und Materialeinsatz: Das angebaute Holzgebäude besteht zu 50% aus recycelten Baustoffen, (Wärmedämmung mit Zellulose (=Altpapier) bzw Glasschaumschotter (Altglasverwertung), Recyclingbeton, Recyclingziegelsplitt im Bodenaufbau), bei den restlichen 50% wird so weit als möglich die alte Holzkonstruktion des zurückgebauten Hauptgebäudes wiederverwendet. Somit kann der Bedarf an neuhergestellten Baumaterial mit seinen ökologischen Rucksäcken reduziert werden. Auf Baumaterialien aus Erdölderivaten konnte fast zu 100% verzichtet werden (Abdichtungs- und Dämmstoffe).

-        Nutzungsneutralität: Der Widerspruch zwischen geringen Raumhöhen zugunsten der Energieeinsparung und großzügigen Raumhöhen für flexible bzw gewerbliche Nutzungen wird zugunsten der Nutzungsflexibilität entschieden. Somit kann das Wohnprojekt der Familie Bildstein in ferner Zukunft auch als Strassenlokal oder anderweitig betrieben werden. Der überdachte Freiraum unmittelbar vor dem Gebäude kann gegebenenfalls die Raumnutzungen witterungsgeschützt nach draussen verlängern.

-        Energiegewinnung und haustechnisches System: „Keep it smart and simple“ – ein Schritt weg von hochautomatisierten und steuerungs- und regelungstechnischen komplexen Installationssystemen, die das Energieeinsparungspotential durch ihren erhöhten Instandhaltungsbedarf wieder vergessen lassen. Mit Solarkollektoren und einer großzügigen PV-Anlage wird das Gebäudesystem so weit als möglich unterstützt, aber als Grundheizsystem agiert ein Holzstückgutkessel, welcher mit selbsterwirtschafteten Holz vom eigenen bzw von einem gepachteten Grundstück versorgt wird. Die Energiekennzahlen des zurückgebauten (HWB=38kWh/m²) bzw des angebauten Gebäudes (HWB=28kWh/m²) sind eher unaufgeregt und speziell in Vorarlberg als Understatement aufzufassen.

-        Einsam- und Gemeinsamkeit: Wohnen zwischen mehreren Generationen birgt Konfliktpotential. Dieses kann durch räumliche Differenzierung von Rückzugs- und Außenräumen planerisch zwar minimiert werden, ein respektvoller und wertschätzender Umgang miteinander ist jedoch bewohnerabhängig. Seitens der Architektur kann der Aspekt des „Ich kann – muß aber nicht“ bereitgestellt werden – dieser spielt ganz klar eine Bedeutung bei der Anordnung der Raumfolgen und der Gestaltung der Freiräume. Gemeinsames Wohnen benötigt darüber hinaus aber auch klar definierte Räume wie beispielsweise den „Gemeinschaftsraum“ (zwischen den Baukörpern im OG) für Familienfeste und -rituale bzw eine entsprechende Durchwegung des Gebäudes in horizontaler und vertikaler Richtung.

-        Mobilität: Die Familie Bildstein legte in der Vergangenheit in der Regel alle Wege mit dem Rad oder dem ÖNPV zurück. Die Bushaltestelle befindet sich unmittelbar vor dem Haus.

Ob dieses System zu seiner vollen Funktionstüchtigkeit heranreifen wird, kann in einigen Aspekten zwar bereits nach den ersten Jahren seiner Nutzung beurteilt werden (Energieverbrauch, Wohnkomfort, Potential des Nutzgartens im Dachgeschoß) - die Tragfähigkeit des Konzepts eines „resilienten“ Systems erst in einigen Jahrzehnten. Dies hängt selbstverständlich auch stark von zukünftigen Entwicklungen ab wie bspwe einer höheren Besteuerung von Energieträgern, verfügbare Ressourcen – Stichwort Erdöl - Kostenwahrheit zur Instandhaltung der Infrastruktur zersiedelter Ballungsräume und dgl sowie volkswirtschaftlichen Entwicklungen (Finanzkrise, Eurokrise, etc …) und ist mittel- bis langfristig nicht vorhersehbar. Aber wie heißts so schön? - „Der Weg entsteht im Gehen!“

Gerold Strehle Herbst 2014. Kontakt: post@geroldstrehle.at